RESPONSE:ABILITY

Die 24. transmediale, Festival für Kunst und digitale Kultur, vom 1. bis 6. Februar im Haus der Kulturen der Welt in Berlin hat sich unter der Überschrift RESPONSE:ABILITY der „wichtigen Rolle, die uns als alltäglich in einer Landschaft aus digitalen Medien und Netzwerken verankerten Individuen zukommt“, wie es im Vorwort des Programmheftes heißt, gewidmet. Ein Schwerpunkt lag auf der Frage, wie sich das Internet möglichst offen und für jeden zugänglich gestalten lässt. Es gab Workshops, Diskussionsrunden, Vorträge, Filme, Musik und Präsentationen von Kunstwerken, die sich mit dem Leben in einer digital vernetzten Umwelt beschäftigt haben.

Ein Schwerpunkt lag in diesem Jahr anlässlich seines 100. Geburtstag auf dem kanadischen Medien-Guru Marshall McLuhan, dessen Theorien insgesamt ideal zum Thema zu passen schienen.

Was ist ‚Live‘?

Seitdem es technisch die Möglichkeit gibt, Veranstaltungen und Ereignisse ‚live‘ aufzuzeichnen, kommt der Frage, ob tatsächlich in diesem Augenblick passiert, was man wahrnimmt, eine Bedeutung zu. Philip Auslander, Dozent am Georgia Institute of Technology und Autor von ‚Liveness. Performance in a Mediatized Culture‘ (2008), hat bei einem Vortrag ausgeführt, dass diese Frage vor allen Dingen mit der Entwicklung des Radios zusammenhängt. Anders als das Grammophon erlaube das Radio dem Zuhörer nicht mehr, die direkte Herkunft des Gesendeten festzustellen. Der Zuhörer kann eben nicht erkennen, ob die Veranstaltung, der er gerade ‚live‘ zuhört, in genau diesem Augenblick statt findet oder ob sie aufgezeichnet worden ist.

Da Aufnahmen in Echtzeit gerade auf Videos und Podcasts im Social Web eine immer größere Rolle spielen, gewinnt die Frage immer mehr an Bedeutung, ob das unmittelbar in diesem Moment Stattfindende eine besondere Qualität hat und wie ein Künstler sie möglicherweise in einer Aufzeichnung erhalten kann. Diskutiert wurde das Thema auch in Bezug auf das Radio, nämlich ob Hörer heute erwarten, dass unmittelbar in diesem Moment für sie gearbeitet wird oder ob eine ‚Live‘-Aufzeichnung ein vollständiger Ersatz sein kann.

Auch das zur selben Zeit stattfindende Partnerfestival Club Transmediale 2011 ‚CTM-Festival vor Adventurous Music and Related Visual Arts‘ hatte sich in seinem Diskussionsmodul, das zum Teil auch gemeinsam mit der transmediale veranstaltet worden ist, dem Thema gewidmet.

Insgesamt herrschte eher der Eindruck vor, dass ‚Live‘ schon einen besonderen Moment meint, der aber nicht unbedingt im dem Moment stattfinden muss, indem das Ereignis rezipiert wird.

Der Computer als Kontaktperson

In mehreren Diskussionsrunden ist auch auf die Tatsache hingewiesen worden, dass Menschen durch den Computer ‚live‘ mit einer kleinen Gruppe oder sogar auch mit sehr vielen Menschen unmittelbar kommunizieren können, ohne körperlich präsent zu sein. In sozialen Netzwerken entstehe ein Gefühl von ‚Liveness‘, da unmittelbar und in Echtzeit aufeinander reagiert werde, obwohl kein Mensch, sondern nur eine Maschine physisch anwesend sei. Insofern nimmt der Computer mittlerweile eine soziale Rolle ein, die sonst von Menschen besetzt war. Dass das nicht unbedingt zur Isolation führen muss, sondern eine Studie der TU Delft sogar Anhaltspunkte dafür gefunden hat, dass Menschen ab einem gewissen Punkt von zuviel Distanz frustriert sind und dann womöglich umso mehr die Gesellschaft anderer Menschen suchen, hat der freie Autor Eric Kultenberg ausgeführt.

Derrick de Kerckhoeve, Leiter des kanadischen ‚McLuhan Program‘ an der Universität von Toronto, geht davon aus, dass ein Mensch, der die meiste Zeit über einen Computer kommuniziert, bestimmte soziale Fähigkeiten verliert. Der Mensch passe sich an diese Situation an und sei beispielsweise nicht mehr oder weniger gut in der Lage, Physiognomien einzuordnen. Das Bewusstsein sei nicht mehr so sehr im eigenen Körper angesiedelt und außerdem sei die eigene Präsenz durch soziale Netzwerke und das Internet insgesamt viel größer. Derrick de Kerckhoeve hat in einer Diskussionsrunde an Hand von ‚Pinocchio‘ entwickelt, was passiert, wenn Menschen zu Mechanismen werden. Die Geschichte des Jungen aus Holz stamme aus der Zeit der beginnenden Industrialisierung. Ihm fehle ein Herz und er sei damit auch kein richtiger Mensch, habe aber ein starkes Bedürfnis danach, wieder ein Mensch zu werden. In Anlehnung an Pinocchio hat Derrick de Kerckhoeve gemeinsam mit Biodoll einen computeranimierten Jungen namens AngelF entwickelt. AngelF hat den Publikations-Live-Stream Consciousness of Streams präsentiert, der verdeutlichen soll, wie sehr unsere Leben zu Schnittstellen geworden sind.

Identitäten

Das Projekt face-to-facebook.net, bei dem 250.000 Profilbilder von einem Computerprogramm herausgefiltert, in vier physiognomische Kategorien eingeteilt und schließlich ohne das Wissen der Betroffenen auf einer Dating-Plattform präsentiert worden sind, soll demonstrieren, wie wenig jeder Einzelne Herr über seine ‚Individualität‘ ist. Das Gesicht ist der entscheidenste Träger der Persönlichkeit, durch es wird vorwiegend entschieden, ob ein Mensch einen anderen sympathisch findet und dennoch kann das Privateste einer Person sehr leicht zweckentfremdet werden und ohne die Zustimmung der Person in andere Kontexte eingebunden werden.

Auch der Name einer Person ist in der enormen Fülle von Profilbildern kaum noch geeignet, einen Menschen eindeutig identifizierbar zu machen. Die Künstlerin Ursula Endlicher hat für ein Projekt etwa hundert Personen desselben Namens porträtiert, die nichts miteinander zu tun hatten. Inspiriert wurde sie, als sie bei der Suche nach einer Kollegin auf Facebook ungefähr hundert Personen desselben Namens fand.

Beispielsweise die Rambler-Turnschuhe von Taiga Martins und Ricardo O’Nascimento sollen hingegen ein kritischer Kommentar zu exzessivem Microblogging sein. Jeder, der die Turnschuhe trägt, sendet beim Laufen automatisch Nachrichten in Form des Wortes ‚tap‘ auf Twitter, stellvertretend für die gemachten Schritte. Während der transmediale hat immer einer der beiden Künstler die Schuhe getragen und man konnte den Rambler-Schuhen auf Twitter folgen.

Fake Press reagiert auf diese Entwicklungen durch neue multimediale Publikationsformen von Büchern oder Texten. Es werden unterschiedliche mediale Formen miteinander verbunden und etwickelt, es gibt Projekte, die mehrere Autoren haben oder die endlos Online von jedem beliebigen Nutzer weiter geschrieben werden können.

Ein anderes auf der transmediale vorgestelltes Projekt Seppukoo.com von Les Liens Invisibles, bietet Facebook-Usern die Möglichkeit, virtuellen Selbstmord zu begehen und eine Ausbeutung ihrer Privatsphäre, Identitäten, Beziehungen und Profilen zu stoppen. Während des Festivals sind die Namen von etwa 20.000 Usern, die mit Seppukko.com virtuellen Selbstmord begangen haben, als Filmabspann projiziert worden.

Taktile Momente

Technik setzt auch immer mehr darauf, sich den menschlichen Körper zu Nutze zu machen. Schließlich ist der Körper das Medium, mit dem der Mensch mit der Welt in Kontakt tritt. Touchscreens versuchen etwa auf das taktile Bedürfnis des Menschen zu reagieren, das in einer Welt, in der es immer weniger ‚Live‘-Erfahrungen und persönliche Kontakte gibt, womöglich mehr und mehr zu kurz kommt.

Carolyn Guertin hat auf der transmediele erklärt, dass auch früher schon Künstler diese grundlegenden Bedürfnisse des Menschen dargestellt haben wie beispielsweise Valie Export, die 1968 für ihr Tap and Touch Cinema Kästen mit Vorhängen konstruiert hat, die Frauen vor die Brust hängen hatten und in die Passanten durch die Vorhänge hinein greifen konnten. Den vielen, vielen Informationen, die der Mensch täglich beim Atmen erhält, habe Sissel Toless Rechnung getragen, die für ihre Ausstellung without borders NOSOEAWE 2004 Gerüche unterschiedlicher Stadtteile Berlins nachgebildet hat.

An mehreren Abenden hat Ei Wada Konzerte auf alten Röhrenfernsehern und Videorekordern Percussions-Konzerte gegeben. Braun Tube Jazz Band kann durch ein elektromagnetisches Feld über Bewegungen Töne erzeugen, indem der Künstler sich den Bildschirmen nähert.

Do It Yourself

Es hat unzählige Workshops gegeben. Man konnte erfahren, wie man aus dem Nichts eine ‚Identität‘ kreieren kann oder wie Erwachsene und Kinder kreative Musik machen können. Mozilla Drumbeat wurde vorgestellt, der nicht-kommerziellen Mikroblogging-Dienst thimbl oder Booki, ein soziales Netzwerk, das Nutzer bei Buchprojekten unterstützt. Bei Mz Baltazars Laboratory konnten Frauen lernen, Open Source-Software zu programmieren. In anderen Workshops ist gezeigt worden, wie man den Online-Bezahldienst flattr auf der eigenen Internetseite nutzen oder mit digitaler Technik ein Radioprogramm übertragen kann. Besucher konnten auch etwa mit der iPhone-App Serendipitor neue Seiten von Berlin entdecken, die App baut in eine optimierte Route durch die Stadt Umwege und Verzögerungen ein. Man konnte sich außerdem damit beschäftigen, welche Online-Taktiken und Tools NGOs verwenden sollten und was für Möglichkeiten der sozialen Mitbestimmung das Internet bieten kann und vieles mehr.

Awards

Erstmalig in diesem Jahr ist gemeinsam mit dem Partner Mozilla Drumbeat der Open Web Ward verliehen worden. Der Geschäftsführer der Mozilla Foundation, Mark Surman, hat in einem Vortrag nochmals deutlich auf die Wichtigkeit eines frei nutzbaren Internets hingewiesen. Nur Freiheit ermögliche Kreativität und bringe gute Angebote für das Netz hervor. Wirklich in der Lage das Netz zu gestalten seien aber eigentlich nur Menschen, die die Computersprachen HTML, Javascript und CSS beherrschten, da dies die Lego-Steine seien, aus dem es aufgebaut sei.

Der Open Web Award ist an Evan Roth für sein Projekt Graffiti Analysis verliehen worden, der transmediale Award an das House of Natural Fibre (HONF) und der Vielem Flusser Theory Award an Jordan Crandall.

Weitere Informationen gibt es unter: transmediale.de und clubtransmediale.de

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